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112 Newsletter vom 5. November 2020

Liebe Leserinnen und Leser,

wie gewohnt darf ich auch heute mit einer Betrachtung der statistischen Zahlen und Daten zur aktuellen Corona-Lage in Bayern beginnen. Die Lage ist sehr ernst. Heute, Donnerstag, 05.11.2020, 08:00 Uhr, verzeichnen wir bestätigte COVID-19-Infektionen (Vorwoche 99.472). Das sind im Vergleich zum letzten Donnerstag 20.425 (nach 15.074, 8.702, 4.561, 2.601 und 2.292 die fünf Wochen davor) mehr. Dies bedeutet für die zurückliegenden Tage einen rechnerischen Schnitt von rund 2.918 Neuinfektionen. Für die acht vorangegangenen Wochen lagen die Vergleichswerte bei 2.153, 1.243, 652, 372, 327, 375, 376, 392 bzw. 273.

Im Unterschied zur Vorwoche müssen wir damit zwar nicht eine neuerliche Verdoppelung der Infektionszahlen binnen Wochenfrist konstatieren, sondern „nur“ mehr eine Steigerung um ca. 35 Prozent. Das ist zwar erfreulich, eine generelle Trendwende vermag ich darin aber noch nicht zu erkennen. Zum einen ist auf diesem hohen Niveau jede Steigerung zu viel, zum anderen markiert der heutige Tageswert von 3.766 für Bayern ein neues Allzeit-Hoch.

Ganz ähnlich stellt sich die Situation für Gesamtdeutschland dar. Heute weist das Robert Koch-Institut (RKI) 19.990 COVID-19-Neuinfektionen aus; so hoch lag dieser Wert noch nie. Letzte Woche hatte die Verlaufskurve ihren Scheitelpunkt noch bei 16.744, nach 11.287 und 6.638 Neuinfektionen in den Wochen davor. Wir müssen also davon ausgehen, dass wir es nach wie vor mit einer exponentiell ansteigenden pandemischen Welle zu tun haben.

Für die Beantwortung der Frage, ob die tendenziell weniger stark ansteigenden Neuinfektionen einen ersten Beleg für die Wirksamkeit der seit Montag geltenden Beschränkungen des Teil-Lockdowns liefern könnten, ist es noch zu früh. Denn bei den heute ausgewiesenen Zahlen gilt es immer zu bedenken, dass die Inkubationszeit, die das Virus regelmäßig benötigt, um sich im Körper des Infizierten so stark anzureichern, dass es mit dem Test nachgewiesen werden kann, ca. eine Woche beträgt. Insoweit sehen wir in den heutigen Zahlen ein Infektionsgeschehen, das deutlich vor dem Inkrafttreten der 8. Infektionsschutzmaßnahmenverordnung mit ihren erheblich strengeren Regeln stattgefunden hat.

Mindestens so angespannt wie bei uns stellt sich die Lage bei unseren europäischen Nachbarstaaten dar. Eine besonders harte Woche erlebt gerade Österreich. Denn die Alpenrepublik wurde dieser Tage nicht nur von einem in Wien verübten schweren islamistischen Terroranschlag mit vier Toten (ein Todesopfer stammte aus München) und etwa zwei Dutzend Verletzten erschüttert, sie hatte auch gestern mit 6.901 registrierten Corona-Neuinfektionen einen neuen Höchststand zu verkraften. Und auch die Sterbefallzahlen entwickeln sich im Kontext von Corona nicht gut, denn allein gestern waren 35 Corona-Tote zu beklagen.

Eine im Vergleich nochmals dramatischere Lage wird aus Tschechien berichtet: Dort haben die zuständigen Behörden gestern mit 15.729 (Vorwochen: 12.977 sowie 14.948) Neuinfektionen ebenfalls ein Allzeit-Hoch registriert. Besonders schlimm ist hierbei, dass sich das Infektionsgeschehen seit mehr als zwei Wochen auf einem hohen Level zwischen 12.000 und fast 16.000 Infektionsfällen pro Tag eingepegelt hat. Dies bringt in der Folge nicht nur sehr hohe Zahlen bei den hospitalisierungs- und beatmungspflichtigen Patienten und auch viele Sterbefälle mit sich – allein gestern starben 123 bei 10,7 Mio. Einwohnern an und mit Corona (zum Vergleich: Bayern 10 Sterbefälle bei 13,1 Mio. Einwohnern), sondern setzt die Kliniken des Landes unter Dauerhöchstlast. Deshalb hat gestern Ministerpräsident Dr. Markus Söder seinem tschechischen Amtskollegen Babis angeboten, bis zu 100 tschechische COVID-19-Patienten in bayerischen Kliniken aufzunehmen.

Anders als Tschechien hat womöglich das unter einem harten Lockdown stehende Belgien erst einmal das Schlimmste in Sachen Neuinfektionen hinter sich. Lag am 30. Oktober der Tageswert noch bei fast 24.000 Neuinfektionen, so ging dieser binnen weniger Tage rasant zurück und betrug gestern knapp 5.200. Das ist sehr ermutigend, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kranken- und Sterbewelle noch länger nachlaufen wird. Gestern hatte das dreisprachige Land mit seinen knapp 11,5 Millionen Einwohnern 268 neue mit COVID-19 in Zusammenhang stehende Sterbefälle zu verzeichnen, womit deren Gesamtzahl auf 12.311 Fälle angestiegen ist. Zum Vergleich wiederum die Bayern- und Deutschlandzahlen: Bayern: 2.852, Deutschland 10.930 Corona-Tote. Das mag erahnen lassen, wie stark Belgien, dessen Bevölkerung nur etwa ein Siebtel der Deutschlands ausmacht, von COVID-19 gebeutelt wird.

Wie Sie wissen stelle ich bei der Beurteilung der Lage nicht allein auf die Neuinfektionen ab. Zwar bildet dieser Parameter das Kernelement, aber auch andere Kenngrößen liefern wichtige Hinweise – so z. B. die Positivrate. Sie setzt die Zahl der laborpositiven Tests ins Verhältnis zu deren Gesamtzahl und gibt unabhängig von der absoluten Zahl der erkannten Neuinfektionen einen Hinweis darauf, wie sich die Lage strukturell entwickelt. Auch für die Positivrate steigt nach langer Stagnation um 1 Prozent nun seit fünf Wochen die Kurve stetig an und hat sich diese Woche bei Tageswerten zwischen 5 und 6 Prozent eingeschwungen.

Weitere bedeutende Gradmesser sind für meine Einschätzung zur Corona-Situation seit jeher die Kenngrößen „Sterbefallzahl“ und „Hospitalisierungssituation“. An oder mit einer Corona-Infektion sind in Bayern mittlerweile 2.852 Personen verstorben; das sind im Vergleich zur Vorwoche 65 Sterbefälle mehr, nachdem dieser Wert für die vorvergangene Woche bei +60 lag. Aktuell an COVID-19 erkrankt sind in Bayern 34.420 (Vorwochen 23.100 bzw. 13.190) Personen und damit 9.910 mehr als Donnerstag letzter Woche. Allein im Vergleich zum Vortag bedeutet dies ein Plus von 1.850 oder 5,7 Prozent. Auch hier finden wir also eine Parallelität zum Trend bei den Neuinfektionen vor: Wir haben es zwar nicht mehr mit einer Verdoppelung im Wochentakt zu tun, aber leider immer noch mit einem Anstieg um ca. ein Drittel binnen sieben Tagen. Dies wird sich im weiteren Verlauf auch in den Kliniken entsprechend auswirken, zumal sich der schon in den letzten Wochen deutlich gewordene Anstieg bei den hospitalisierungs- und intensivbehandlungspflichtigen Patienten diese Woche fortsetzt. So befinden sich, Stand heute, in Bayern 1.751 Patienten wegen Corona in stationärer Behandlung (Vorwoche 1.072, in den Wochen davor 614, 328, 243, 213, 215, 166, 215 bzw. 106). Von diesen liegen 367 (Vorwochen: 151 bzw. 100) auf einer Intensivstation.

Zum Glück genesen aber auch die meisten Infizierten wieder. Statistisch gesehen sind von den bisher 119.897 in Bayern erkannt infizierten Menschen mittlerweile 82.630 wieder genesen. Das sind im Vergleich zum Vortag +1.910 oder + 2,0 Prozent.

Lassen Sie uns nun den Blick auf die lokalen Entwicklungen richten. Auch in der Fläche Bayerns bleibt der Infektionsdruck insgesamt sehr hoch, wenngleich durchaus regionale Unterschiede zu beobachten sind. Konkret festmachen möchte ich die Beschreibung der Situation einmal mehr mit den absoluten 7-Tage-Inzidenzwerten sowie anhand der Zahl der Gebietskörperschaften, die jenseits einer 7-Tage-Inzidenz von 35, 50 oder 100 liegen.

Den höchsten Einzelwert verzeichnet aktuell die kreisfreie Stadt Augsburg mit einer 7-Tage-Inzidenz von 283,6. Dies ist insoweit bemerkenswert, als damit eine Großstadt mit ca. 300.000 Einwohnern den in den letzten Wochen von dem mit ca. 105.000 Einwohnern vergleichsweise bevölkerungsschwächeren Landkreis Berchtesgadener Land gehaltenen Spitzenwert von zuletzt 264,3 überspringt. Die Brisanz dieser Feststellung erschließt sich aus der Berechnung der 7-Tage-Inzidenz, die zur Herstellung einer Vergleichbarkeit der Zahlen stets auf 100.000 Einwohner heruntergebrochen wird. Im Vergleich von Augsburg und BGL bedeutet dies, dass in der Stadt Augsburg mit ihren ca. 300.000 Einwohnern nach absoluten Zahlen etwa dreimal so viele Infektionsfälle auftreten müssen, als im Landkreis BGL mit seinen ca. 100.000 Einwohnern, um auf den gleichen Wert bei der 7-Tage-Inzidenz zu kommen. Um es mit einfachen Worten zu sagen: In Augsburg ist die Lage höchst angespannt.

Auf Platz 2 der Liste steht weiterhin der Landkreis Rottal-Inn mit einem Inzidenzwert von 265,0 (nach 258,4 letzte Woche), gefolgt von der Stadt Rosenheim mit 248,6 (256,5), dem Landkreis Rosenheim mit 246,8, dem Landkreis Lindau mit 228,1 und jetzt auf Platz 6 dem bereits erwähnten Landkreis BGL mit 216,2. Hier bessert sich also die Situation nach und nach etwas, die vor Ort ergriffenen Maßnahmen scheinen insoweit zu greifen.

Auch in der Gesamtschau aller 96 kreisfreien Städte und Landkreise in Bayern wird die flächendeckend angespannte Lage transparent. Lagen letzte Woche bei der 7-Tages-Inzidenz immerhin noch eine Gebietskörperschaft unter 35 und zwei weitere unter 50, sind nunmehr alle über 50. Noch am besten steht momentan der Landkreis Ansbach mit einer 7-Tage-Inzidenz von 56,3 da.

Waren letzte Woche 5 Gebietskörperschaften jenseits der Marke von 200, finden sich dort nun 10 Kreise oder Städte. Und wiesen zuletzt 44 Gebietskörperschaften einen Wert jenseits der 100er-Marke aus, gilt dies heute für 72. Die Lage bleibt also schwierig.

Wie im Statistikteil dargestellt wirkt die Infektionslage zusehends in die Kliniken hinein und führt dort zu einer Zunahme an Patientinnen und Patienten, die wegen einer COVID-19-Erkrankung auf den Normalstationen oder wegen eines besonders schweren Verlaufs auf den Intensivstationen versorgt werden müssen. Zum großen Glück sind wir diesbezüglich aktuell weit vom Auslastungsgrad in tschechischen, französischen, spanischen oder zunehmend auch wieder italienischen Kliniken entfernt. Und doch sind wir nach allem, was uns auch fachmedizinische Verbände sagen, keineswegs davor gefeit, dass in einzelnen besonders betroffenen Hotspot-Regionen die dortigen Kliniken schnell ihre Auslastungsgrenzen erreichen könnten. Wer etwa heute Früh im ZDF-Morgenmagazin den Bericht aus der Uniklinik Jena gesehen hat, der wurde darüber informiert, dass sich dort wie in vielen anderen deutschen Kliniken auch die intensivmedizinisch zu behandelnden Fälle in den letzten zwei Wochen nahezu verdoppelt haben und bei einer Fortdauer dieser Entwicklung in wenigen Wochen die aktuell verfügbaren Kapazitäten voll ausgelastet wären.

Um auf eine mögliche Lageverschärfung vorbereitet zu sein, gilt es, nicht nur wie im Frühjahr zusätzliche Klinikkapazitäten für Corona-Patienten etwa dadurch zu schaffen, dass aufschiebbare Behandlungen zurückgestellt, Stationen freigeräumt oder etwa Reha-Kliniken für die Akutversorgung nutzbar gemacht werden. Es geht vor allem auch darum, rechtzeitig den Zugang neuer Patienten zwischen den einzelnen Kliniken im Verfahren effektiv und in der Sache bestmöglich zu steuern. Das bedeutet, die besonders im Feuer stehenden Kliniken nicht erst total auszulasten, bis Neuzugänge abgewiesen oder bereits aufgenommene Patienten in eine andere Klinik verlegt werden müssen, zumal dies zusätzliche Aufwände verursacht und dem Patienten oder der Patientin zusätzlich unnötige Belastungen auferlegen würde, die es unbedingt zu vermeiden gilt.

Die medizinisch gebotene Steuerung der Patienten zwischen den verschiedenen Krankenhäusern ist im klinischen und rettungsdienstlichen Alltag oder bei besonderen Schadensereignissen mit einem massenhaften Anfall von Verletzten – etwa nach Massenkarambolagen oder anderen schweren Unglücken wie dem Zugunglück von Bad Aibling im Februar 2016 – eigentlich nichts Ungewöhnliches. Allerdings haben wir im Frühjahr erleben müssen, dass Corona mit seiner spezifischen Charakteristik des pandemischen Verlaufes alles andere als typisch oder „gewöhnlich“ ist, sondern selbst für das in der Praxis gut eingespielte rettungsdienstliche und klinische System schnell zur schweren Herausforderung werden kann. Dies liegt zum einen an der landesweiten und weit darüber hinaus ausgreifenden räumlichen Ausdehnung der Pandemie, des Weiteren an ihrer langen Dauer, vor allem aber am extrem kurzfristig auftretenden Anfall einer ungewöhnlich großen Zahl sehr schwer, ja lebensbedrohlich erkrankter und noch dazu infektiöser Patienten, der in kürzester Zeit örtlich oder regional vorhandene Krankenhäuser und Klinikverbünde in ihren klinischen und personellen Kapazitäten zu überfordern droht.

Deshalb war es schon im Frühjahr das Gebot der Stunde, Organisations- und Steuerungsstrukturen einzurichten, die gleichsam wie ein System kommunizierender Röhren die Belastungen so effektiv in weniger stark betroffene Gebiete mit freien Klinikkapazitäten ableiten, dass im Ergebnis jeder klinikpflichtige COVID-Patient bestmöglich versorgt werden kann.

Während der „ersten Welle“ wurde unter dem Regime des Katastrophenschutzrechts das mit Weisungsbefugnis ausgestattete Institut des „Ärztlichen Leiters Führungsgruppe Katastrophenschutz“ (ÄLFüGK) neu geschaffen. Entsprechende Funktionen wurden nicht nur für eine örtliche Steuerung auf Ebene der meist drei oder vier Landkreise und/oder eine kreisfreie Stadt umfassenden Zweckverbände für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) eingerichtet. Vielmehr wurden für die überregionale Steuerung auch auf Ebene der sieben Bezirksregierungen die Ärztlichen Bezirksbeauftragten Leiter Rettungsdienst als Koordinatoren eingesetzt. Jeder war in seinem Bereich mit weitreichenden Weisungsbefugnissen ausgestattet, sodass sich im Ergebnis ein hierarchisch ineinandergreifendes Koordinierungsinstrument ergeben hat. Dieses hatte sich in der Praxis außerordentlich bewährt und schon seine bloße Existenz hat bewirkt, dass die besonders belasteten Kliniken wirksam entlastet und die Patienten auch in der ganz heißen Phase um Ostern jederzeit gut stationär untergebracht werden konnten. Mit zunehmender Entspannung der Lage und der daraufhin verfügten Aufhebung des Katastrophenfalles im Juni sind die ÄLFüGK außer Funktion getreten.

Bald war aber klar, dass es in Anbetracht einer aus damaliger Sicht – und wie wir heute wissen, leider zutreffend – nicht auszuschließenden „zweiten Corona-Welle“ womöglich eines vergleichbar straff organisierten Instruments auch unterhalb der Schwelle des Katastrophenfalles bedürfen könnte. Deshalb wurden schon im Sommer die erforderlichen rechtlichen Grundlagen geschaffen, um die insoweit schon während der „ersten Welle“ bewährten Organisations- und Entscheidungsstrukturen zwar unter anderen Voraussetzungen und Regularien, aber in ähnlicher Funktionalität implementieren zu können.

Mit der „Allgemeinverfügung zur Bewältigung erheblicher Patientenzahlen in Krankenhäusern, Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege vom 2. November 2020“ hat das Gesundheitsministerium nun die erforderlichen Anordnungen getroffen. Kernstück ist hierbei der in Aufgabe, Funktion und Stellung weitgehend dem Ärztlichen Leiter Führungsgruppe Katastrophenschutz nachempfundene Ärztliche Leiter Krankenhauskoordinierung (ÄLKHKO).

Hier wird nun ein dreistufiges System etabliert. Das Fundament bilden wiederum die örtlichen Strukturen, die sich räumlich auf die Rettungszweckverbände beziehen. Der ÄLKHKO wird von dem Landrat oder dem Oberbürgermeister einer kreisfreien Stadt ernannt, der innerhalb des Rettungszweckverbandes den Vorsitz führt.

Auf Ebene der Regierungsbezirke bestellt die Regierung, i.d.R. die Regierungspräsidentin oder der Regierungspräsident, einen ärztlichen Koordinator.

Und für die landesweite Koordination wird erstmals ein Koordinator des LGL eingesetzt.

Mit der Bestellung entsteht ein öffentlich-rechtliches Dienstverhältnis, das dem ÄLKHKO eine dienstliche Stellung und Autorität verleiht, bei Bedarf Anordnungen zu treffen, die die Klinikbetreiber und ihre Mitarbeiter binden. Natürlich werden die ÄLKHKO stets bestrebt sein, die erforderlichen Lösungen im Konsens zu erzielen. Sollte dies aber ausnahmsweise nicht gelingen, dann kann, darf und muss der ÄLKHKO seine Entscheidung durchsetzen.

Schon vor diesem Hintergrund kann nicht jeder Arzt eine der genannten Funktionen übernehmen. Vielmehr setzt die Allgemeinverfügung eine für diese schwierige Aufgabe zweckdienliche fachliche Expertise und Erfahrung auf einschlägigen koordinierenden ärztlichen Aufgabenfeldern voraus und verlangt für die Tätigkeit des ÄLKHKO konkret eine klinische Tätigkeit in der Akutmedizin, die fachliche Expertise für Krisenbewältigung sowie in der Regel mindestens die Funktion als Oberarzt. Das Leitbild erfüllen insoweit vor allem Ärztinnen und Ärzte, die schon viele schwierige Situationen durchgestanden haben, die das Umfeld, in dem sie sich bewegen, in- und auswendig kennen, die es gewohnt sind, Zielkonflikte moderierend und argumentativ aufzulösen, die aber im Zweifel auch die Verantwortung nicht scheuen, in ihren Konsequenzen weitreichende Entscheidungen zu treffen. Persönlichkeiten, die organisatorisches Geschick besitzen und über ein gerüttelt Maß an Empathie verfügen, um den Menschen, die ihnen anvertraut sind, gerecht zu werden. In vielen Fällen dürfte es auf Ärztinnen und Ärzte hinauslaufen, die in ihrem bisherigen beruflichen Leben als (leitende) Notärzte, Intensivmediziner, Anästhesisten, Kardiologen u.a.m. an vorderster Front tätig waren.

Die Aufgaben und Befugnisse des ÄLKHKO sind weitreichend. So haben sie ganz generell die Aufgabe, innerhalb des jeweiligen Rettungsdienstzweckverband-Gebiets auf die Gewährleistung der akutstationären Versorgung insbesondere der COVID-19-Erkrankten hinzuwirken. Dies kann z.B. bedeuten, im Konzert mehrerer Kreiskliniken eine einzelne für eine bestimmte Zeit aus der allgemeinen Krankenhausversorgung herauszunehmen und sie zur zentralen COVID-Klinik zu bestimmen. Und sollten die Ressourcen der im Bereich des ZRF liegenden Kliniken absehbar nicht mehr ausreichen, so ist es am ÄLKHKO, gemeinsam mit seinen Kollegen aus den benachbarten Rettungsdienstbereich eine Lösung zu finden.

Insgesamt handelt es sich also um eine ausgesprochen anspruchsvolle und verantwortungsvolle Aufgabe und ich bin allen Ärztinnen und Ärzten sehr dankbar, die sich bereit erklärt haben, als ÄLKHKO zu fungieren. Ich hoffe, dass wir mit den bisher ergriffenen Maßnahmen das Infektionsgeschehen soweit dämpfen können, dass die ÄLKHKO möglichst nicht eingreifen müssen. Sollte es aber nötig werden, dann sehe ich uns bestens gerüstet.

Im Zusammenhang mit der Steuerung der Auslastung von Normal- und Intensivbetten möchte ich noch einen Aspekt ansprechen, dessen Behandlung in der öffentlichen Debatte mich zusehends irritiert: Immer wieder wird vorgetragen, die Maßnahmen des Lockdown light seien zu weitreichend, weil sie außer Acht ließen, dass noch genügend Intensivbetten frei seien. Man könne ruhig den Menschen mehr Freiheit lassen und hierfür die freien Krankenhauskapazitäten in einen kalkulatorischen Ansatz bringen.

Eine solche Betrachtung verkennt gleich mehrere wichtige Dimensionen, zu aller erst eine ethisch-moralische. In meinen Augen ist es extrem selbstgerecht zu fordern, andere Menschen sollten eine Erkrankung hinnehmen, damit man selbst z.B. ein paar mehr Menschen treffen kann. Sie verkennt weiterhin, dass es angesichts der enorm hohen Ansteckungsgefahr des Virus schlicht unmöglich ist, sich an die Kapazitätsgrenzen der bayerischen oder deutschen Kliniken heranzutasten. Das geht schlicht nicht, die Gefahr ist viel zu groß, dass derlei Agieren nach dem Vorbild des „Zauberlehrlings“ aus dem Ruder läuft.

Und schließlich scheinen die Vertreter einer solchen Strategie keine zutreffende Vorstellung davon zu haben, was es heißt, akut und hospitalisierungspflichtig an COVID-19 erkrankt zu sein. Selbst Patienten, die „nur“ eine Behandlung auf der Normalstation benötigt haben, berichten, eine solche Erkrankung und die damit einhergehenden Belastungen wie schwere Erschöpfung und körperliche Abgeschlagenheit, Atemprobleme, teils begleitet von trockenem Husten, hohem Fieber und teilweise auch Durchfall träten in einer Intensität und Dauer auf, die mit einem herkömmlichen grippalen Infekt nicht ansatzweise vergleichbar seien. Alle Genesenen sagen: „Das brauche ich kein zweites Mal!“

Und noch härter trifft es Patienten, die eine künstliche Beatmung benötigen. Diese geht einher mit einer Vollnarkose und dauert nicht selten zwei bis drei Wochen, in Einzelfällen auch länger. Man kann es sich leicht vorstellen, wie es einem Menschen geht, der mit einem besonders schweren Verlauf des geschilderten Krankheitsbildes konfrontiert war und obendrein viele Tage sediert im Bett gelegen ist. Das schlaucht den Körper enorm und bei länger andauernder künstlicher Beatmung müssen verschiedentlich die Patienten das selbstständige Atmen erst wieder mühsam neu lernen, weil sich durch das maschinell gesteuerte Ein- und Ausatmen der Atemreflex zurückgebildet hat.

Eine akute Corona-Erkrankung sitzt man also nicht einfach mal so ab oder verschläft man mal eben und dann ist alles wieder gut, sondern gerade mit einem schweren Verlauf ist nicht zu spaßen. Das gilt auch vermehrt für jüngere Menschen, wie immer öfter zu hören ist. Das hat übrigens in dem bereits erwähnten MoMa-Bericht auch der Ärztliche Direktor des Klinikums Jena berichtet. Dort hat man in den letzten Tagen auch Patienten in den 20ern stationär aufnehmen und intensivmedizinisch behandeln müssen.

Die Corona-Gefahr klein zu reden, hilft also nichts. Im Vergleich zu vielen anderen Staaten sind wir bisher trotz der geschilderten Verschärfung der Lage durch diese einigermaßen gut durchgekommen. Ich bin optimistisch, dass das so bleibt. Dafür müssen wir aber alle den Tatsachen realistisch ins Auge sehen und uns entsprechend verantwortungsvoll verhalten. Mit Umsicht und Vorsicht kommen wir sicher gut durch die Pandemie.

Wir arbeiten weiter faktenbasiert – dem faulen Zauber keine Chance!

Mit besten Grüßen Ihr Joachim Herrmann, MdL Staatsminister