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Liebe Leserinnen und Leser,

wie bei jedem Update des Corona-Newsletters darf ich auch in dieser Ausgabe die Datenlage an den Anfang stellen. Heute, Donnerstag, 29. Juli, 08:00 Uhr, verzeichnen wir für Bayern insgesamt 653.008 bestätigte Covid-19-Infektionen. Im Vergleich zum Donnerstag der letzten Woche, bis zu dem 651.222 Infektionen registriert wurden, sind dies 1.786 mehr. Daraus errechnet sich ein Tagesschnitt von 255 Neuinfektionen, nachdem dieser Wert in den Vorwochen bei 232, 168, 90, 170, 256, 465, 612, 820, 1.536, 1.867, 2.465, 3.212, 3.558, 3.560, 2.492, 2.664, 2.305, 1.888, 1.496, 1.320, 1.104, 1.093, 1.263, 1.646, 1.909, 2.366, 3.265, 3.143, 3.203, 3.912, 4.172, 3.638, 3.475, 3.606, 3.432, 3.597, 2.918, 2.153, 1.243, 652 bzw. 372 lag. Damit setzt sich für Bayern der bereits in den letzten Wochen erkennbare Trend einer moderaten Zunahme der Neuinfektionen fort.

Besagte Trendwende auf niedrigem Niveau zeigt sich auch in den länderspezifisch ermittelten 7-Tage-Inzidenzen. Für Bayern hat das RKI heute eine solche von 13,9 festgestellt – nach 11,8, 9, 6, 6, 8, 14, 22, 38, 41, 69, 107, 124, 161, 180, 178, 119, 142, 114, 96, 77 und 68 an den vorangegangenen Vergleichstagen. Bundesweit verzeichnen wir heute einen Wert von 16,0 (12,2). Die Einzelwerte liegen jetzt zwischen 28,1 für Hamburg (Vorwoche 22,8 für Berlin) und 4,1 für Sachsen-Anhalt (Vorwoche 2,7 für Meck-Pom). Es verfestigt sich der Eindruck, dass die Anstiege außerhalb Bayerns etwas stärker an Fahrt aufnehmen und auch ehemalige „Primi“ wie Schleswig-Holstein und Meck-Pom eine Trendumkehr erleben.

Die Reproduktionszahl R gibt an, wie viele weitere Personen ein Infizierter statistisch ansteckt, ehe er gesundet oder verstirbt. Liegt der Wert bei 1, scheiden aus dem statistisch betrachteten und in seinen Faktoren gewichteten Infektionsgeschehen täglich genauso viele Menschen aus, wie neu dazukommen. Dieser Parameter, in dessen Berechnung verschiedenste statistische Größen Eingang finden, ist im Laufe der Woche sogar leicht von 1,25 auf 1,1 zurückgegangen, was meine bereits letzte Woche geäußerte Annahme stützt, dass wir uns noch in einem linearen und eben nicht in einem exponentiellen Wachstum des Infektionsgeschehens bewegen. Wir müssen alles dafür tun, dass das auch so bleibt.

Aufschlussreich für das Infektionsgeschehen ist auch die Quote der auf die Gesamttestzahl bezogenen Fälle mit Corona-positivem Ergebnis, die sog. „Positivrate“ und auch hier sehen wir nun die Trendwende auf niedrigem Niveau. Lag die Schwankungsbreite lange zwischen 0,6 und 0,8 Prozent und letzte Woche durchgehend bei 0,9 Prozent, so sind es nun 1,1 bis 1,7 Prozent. Die Nachfrage nach PCR-Tests liegt bei einem 7-Tages-Mittel von ca. 25.800 im Wochenvergleich neuerlich leicht über dem Wert von letzter Woche. Das ist gut!

Ich darf nun zum regionalen Infektionsgeschehen kommen. Auch hier zeigt sich flächendeckend und weitgehend einheitlich eine leichte strukturelle Zunahme des Infektionsgeschehens. Auf der farblich nach Inzidenzklassen eingefärbten und nach Landkreisen und kreisfreien Städten gegliederten Karte Bayerns sticht aus den unterschiedlichen Blau-Schattierungen allein der südöstlichste Zipfel Bayern rot heraus, nachdem das Berchtesgadener Land mit einer 7-Tage-Inzidenz von 62,3 den in der Infektionsschutzmaßnahmenverordnung definierten Schwellenwert von 50 deutlich übersprungen hat. Dahinter klafft zum Glück eine erfreuliche Lücke zum Landkreis Dillingen a.d. Donau mit einem Wert von 34. Das entspricht in etwa dem Höchstwert der letzten Woche. Man wird untersuchen müssen, warum der Landkreis BGL so deutlich und unvermittelt nach oben ausreißt. Es könnte ein grenzüberschreitender Zusammenhang bestehen, nachdem die benachbarten Bezirke Sankt Johann im Pongau und Zell am See zu den vier am stärksten betroffenen Bezirken in Österreich zählen. Die eingangs erwähnte Trendwende auf niedrigem Niveau bildet sich auch in der strukturellen Verteilung der Einzelwerte ab. Lagen vorletzte Woche noch 45 Landkreise bzw. kreisfreie Städte unterhalb einer 7-Tage-Inzidenz von 5 und vor sieben Tagen 24, so sind es jetzt, im Grunde stagnierend, 26. Am positiven Ende der Skala stehen mit dem Landkreis Kronach und der Stadt Schwabach weiterhin zwei sehr erfreuliche „Nullnummern“.

Verschiedentlich wird spekuliert, dass es sich bei diesen Entwicklungen schon um den Beginn der vierten Welle handeln könnte. So weit würde ich nicht gehen, zumal der Aufwuchs der Neuinfektionen nach wie vor linear auf niedrigem Niveau verläuft. Es kann aber auch kein Zweifel bestehen, dass die bis dato vorgenommenen Lockerungen und vor allem das internationale Reisegeschehen der Haupturlaubszeit des Jahres mehr Infektionen nach sich ziehen. Das war so erwartet worden. Entscheidend ist aber nun, wie man mit dem offenkundigen West-Ost-Infektionsgefälle umgeht, das sich in Europa aufgebaut hat. So verzeichnen aktuell die genannten Staaten folgende Werte für die 7-Tage-Inzidenzen: Spanien 376, Portugal 204, Frankreich 212, Niederlande 201 und Belgien 107, während unsere südlichen und östlichen Nachbarn wie Italien mit 55, Österreich mit 31, Tschechien mit 12 und Polen mit 2 wesentlich günstiger liegen. Aktuell wird insbesondere auf Initiative von Ministerpräsident Dr. Markus Söder in Berlin diskutiert, womöglich schon ab 1. August für alle nicht vollständig geimpften bzw. nicht nachgewiesen genesenen Reiserückkehrer eine Testpflicht anzuordnen.

Sehr gut läuft es weiterhin in den bayerischen Kliniken. Hier lautet die wöchentliche Faustformel aus der Gesamtzahl der hospitalisierten Corona-Patienten und denen auf „Intensiv“ weiterhin „280 zu 60“. Zum Glück bildet sich diese positive Entwicklung auch im Corona-bezogenen Sterbegeschehen ab. Dieses liegt – bei aller Tragik des Einzelfalles – bei einem sehr günstigen 7-Tages-Mittel von jetzt 1,7 (2,28).

Und was sagen uns nun all diese Zahlen? Sie haben sicherlich die aufkommende Debatte um die Aussagekraft der Zahl der täglichen Neuinfektionen sowie der aus diesen errechneten 7-Tage-Inzidenzen wahrgenommen. Naturgemäß sind die Debattenbeiträge in gewissem Maße von Eigeninteressen gelenkt. Wer etwa fürchtet, dass er bei steigenden Zahlen und dem Überschreiten bestimmter Grenzwerte sein Geschäft wieder schließen oder zumindest aufwändigere Hygienemaßnahmen sicherstellen muss, der wird schon deshalb die Aussagekraft der 7-Tage-Inzidenz in Zweifel ziehen. Und wer manch Treiben der Party- und Eventszene mit bangem Blick beobachtet, der wird die objektive Erfassung der Zahl der Neuinfektionen als das Kernelement der Lagebeurteilung schlechthin sehen.

Die tatsächlichen Zusammenhänge sind aber deutlich vielschichtiger und sie werden zunehmend komplexer, nachdem etwa mit neuen Mutationen, einem fortschreitenden Impfgeschehen, verbesserten klinischen Behandlungsmethoden und dem nahezu täglich wachsenden Stand der medizinischen Erkenntnis über längerfristige Folgen einer Corona-Erkrankung – Stichwort Long Covid – im Laufe der Zeit immer wieder neue oder neu justierte Faktoren auf das Corona-Geschehen und seine Folgen einwirken.

Diese Dynamik im System legt zurecht die Frage nahe, ob die bisher angewendeten Kenngrößen noch hinreichend aussagekräftig und damit geeignet sind. Man hat ja im Laufe der Zeit gar manche Kenngröße kommen und gehen und vielleicht auch wiederkommen sehen wie etwa den R-Wert oder die Verdoppelungsrate. Dass aber die 7-Tage-Inzidenz und die Zahl der Neuinfektionen über all die Zeit nie verschwunden sind, sondern die konstanten Kenn- und Kerngrößen waren, ist kein Zufall, denn sie haben gerade in den ersten eineinhalb Jahren der Pandemie nicht nur der Bevölkerung ein plastisches Bild von der Lage vermittelt, sondern waren auch ein erstaunlich zuverlässiges Prognoseinstrument. So konnte man lange Zeit davon ausgehen, dass die Entwicklung der Neuinfektionen mit zeitlichem Versatz von den Erkrankungs-, Hospitalisierungs- und Sterbefallzahlen gleichbleibend anteilig nachgezeichnet würde. Damit war abschätzbar, welche Belastungen in einigen Wochen auf die Arztpraxen, vor allem aber die Normal- und Intensivstationen der Kliniken zukommen und letztlich auch, wie viele Menschen im Zusammenhang mit Corona sterben würden.

Diese Zusammenhänge verschieben sich aber schon seit einiger Zeit erkennbar, was ganz wesentlich mit dem nach und nach gesteigerten Hochlauf der Impfkampagne zu tun hat. So wurde bald nach deren Beginn, der zunächst die besonders vulnerablen Seniorinnen und Senioren sowie stark vorerkrankte Personen in den Blick nahm, schnell deutlich, dass die schwer verlaufenden und vor allem die intensivpflichtigen Corona-Fälle gottlob immerhin etwas geringer ausfielen, als es nach der Infektionskurve eigentlich zu befürchten gewesen wäre, dass sich aber vor allem die Corona-bezogenen Sterbefälle in ihrer Zahl signifikant vom Infektionsgeschehen entkoppelt haben und weit unterhalb des eigentlich Erwartbaren lagen und bis jetzt liegen. Deshalb war die dritte Welle in ihrer ausdifferenzierten Betrachtung eine steile Infektionswelle, eine nicht ganz so steile Hospitalisierungswelle und – bei aller Tragik des Einzelfalles – eine sehr moderate Sterbefallwelle. Jetzt erwarten manche eine unbedingt zu vermeidende vierte Welle. Selbst für den Fall, dass sie käme, hege ich impfbedingt die Hoffnung, dass sich dieses Mal nicht nur die Sterbefall-, sondern auch die Hospitalisierungszahlen noch wesentlich deutlicher von der Zahl der Neuinfektionen entkoppeln.

Neben dem segensreichen Impfzusammenhang spielt für eine Realisierung der von mir skizzierten Perspektive sicherlich eine gewichtige Rolle, dass sich aktuell vor allem jüngere Menschen überproportional oft infizieren, diese aber körperlich widerstandsfähiger als die vormals besonders gefährdete Gruppe der alters- und vorerkrankungsbedingt besonders vulnerablen Personen sind und deshalb aktuell nicht in größerer Zahl auf der Intensivstation oder gar auf dem Sterbebett zu liegen kommen.

Das bedeutet aber weder, dass Corona nun – Stichwort Long Covid – ungefährlich ist, noch, dass die genaue Kenntnis der Infektionszahlen entbehrlich geworden wäre. Diese bleiben als „Mutter der Statistik“ das Kernelement der Betrachtung. Dies schon, um Veränderungen des Infektionsgeschehens durch neue Mutationen rechtzeitig zu erkennen und insgesamt einen zutreffenden Eindruck von den Ausmaßen des infektiologischen Geschehens im Lande zu gewinnen, zumal jede schwere Folge zwingend aus einer vorangegangenen Infektion herrührt. Die praktische Arbeit mit der Pandemie und ihren Folgen belegt immer deutlicher, dass die bereits beschriebene Dynamik im System und das daraus resultierende Gefahrenpotential unter den komplexer gewordenen Gegebenheiten nicht mehr einfach aus einer Verlaufskurve rechnerisch abgeleitet werden können, sondern spezifisch erfasst werden müssen.

Um hier mehr Klarheit zu schaffen, gilt es – nach Altersgruppen geordnet – zusätzlich festzustellen, wie viele der Infizierten symptomatisch erkranken, in eine Klinik müssen, die Hilfe der Intensivmedizin benötigen und am Ende versterben. Nützlich ist alles, was die Gesamtlage zuverlässig und ausreichend differenziert kennzeichnet sowie die Festlegung nach Art und Intensität gut geeigneter Maßnahmen erleichtert. Deshalb begrüße ich es sehr, dass die Gesundheitsministerkonferenz an Beschlussvorschlägen für die voraussichtlich in der zweiten Augustwoche tagende Ministerpräsidentenkonferenz arbeitet. Diese wird dann versuchen, neben der 7-Tage-Inzidenz weitere maßgeblichen Co-Faktoren zu definieren. Ungleich schwerer wird es aber sein, alle Kenngrößen so auf der Zeitachse miteinander in Beziehung zu setzen und zueinander zu gewichten, dass am Ende des Prozesses ein Hilfsmittel steht, das der Politik transparente Entscheidungshilfen an die Hand gibt.

Liebe Leserinnen und Leser, am Dienstag hat der Ministerrat zum letzten Mal vor der Sommerpause getagt und natürlich auch noch einige Entscheidungen zum weiteren Vorgehen in der Pandemie getroffen. Zum einen hat das Kabinett Maßgaben des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofes (VGH) aufgegriffen und diese in die 13. Bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung (13. BayIfSMV) eingearbeitet. So hatte der VGH der Klage des Betreibers einer reinen Schankwirtschaft, landläufig oft als Bar oder Pub bezeichnet, stattgegeben, der die Untersagung der Öffnung seines Betriebes in geschlossenen Räumen als unzulässige Benachteiligung gegenüber Speisewirtschaften sah. Künftig dürfen derlei Betriebe öffnen, dies allerdings mit der Maßgabe, dass nur am Tisch bedient wird und die Abgabe und der Verzehr von Speisen und Getränken an der Theke oder am Tresen nicht zulässig sind.

Zudem hatte das Gericht bestimmte Grundrechtseinschränkungen wie die Maskenpflicht in den Bereichen von Gastronomie, Kunst und Kultur zwar nicht dem Grunde nach aufgehoben, allerdings moniert, dass sich solche Rechtseingriffe nicht immer unmittelbar aus der 13. BayIfSMV ergeben, sondern vielfach aus den diversen spezifischen Hygiene-Rahmenkonzepten. Diese sind zwar auch von den zuständigen Ministerien auf der Grundlage der 13. BayIfSMV erlassen, aber nach ihrer Rechtsnatur „lediglich“ untergesetzliche Verwaltungsvorschriften und stehen in der Normenhierarchie insoweit unterhalb einer Rechtsverordnung. Dem hat das Gesundheitsministerium als Verordnungsgeber umgehend entsprochen und etwa die Maskenpflicht für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Gastronomie mit Wirkung zum gestrigen Mittwoch in die 13. BayIfSMV eingefügt. Gleiches gilt etwa in Bezug auf die FFP-2-Maskenpflicht für die Besucher kultureller Veranstaltungen, von Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, zoologischen oder botanischen Gärten in geschlossenen Räumen.

Liebe Leserinnen und Leser, ich bringe bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Ausdruck, dass Impfen das A und O einer nachhaltigen Bekämpfung der Pandemie ist. Impfen verhindert wirksam Infektionen und wenn doch einmal Impfdurchbrüche auftreten, was bei jeder Impfung vorkommt, dann erleiden gegen COVID-19 Geimpfte kaum schwere Krankheitsverläufe. Deshalb ist es sehr bedauerlich, dass das Impfgeschehen an Schwung verloren hat.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die große Mehrheit der ca. 40 Prozent der in Bayern noch nicht geimpften Personen weder „Querdenker“, noch Hardcore-Impfgegner der alten Schule sind, sondern vielfach andere Hinderungsgründe verschiedenster Qualität und Güte bestehen. So ist ein geringerer Teil deshalb nicht geimpft, weil er nicht oder noch nicht geimpft werden kann. Dies gilt für Menschen, die unter einschlägigen Allergien leiden oder für die es – namentlich die Kinder unter 12 Jahren – noch gar keine zugelassenen Impfstoffe gibt. In den meisten Fällen dürften deutlich weniger zwingende Hemmnisse vorliegen. Meist gepaart mit einem diffusen Gefühl der Unsicherheit dürften bei einem guten Teil der Zögernden im Kern Bequemlichkeit, Unentschlossenheit bzw. Antriebs- oder Lustlosigkeit die Hauptursache(n) sein. Hierbei gibt es wie sonst im Leben auch die Fraktion der „Allesaufdielangebankschieber“, frei nach dem persiflierten Motto „was Du heute kannst besorgen, das verschiebe besser mal auf morgen!“ Wieder andere haben gerade keine Zeit, sind besonders höfliche Menschen und lassen deshalb gerne anderen den Vortritt, kommen aus tendenziell impfkritischen Kulturkreisen, haben schlicht Fracksausen, sich verpiekseln zu lassen oder leiden gar unter Trypanophobie. Dieser medizinische Fachbegriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „Bohrerfurcht“, umgangssprachlich „Spritzenangst“. Die trifft gar nicht so wenige.

Diese Aufzählung von individuell empfundenen Hinderungsgründen zeigt deutlich, dass der bislang unterbliebene Gang zum Impfen viel mehr mit Befindlichkeiten, als mit unüberwindlichen Hindernissen zu tun hat. Genau das ist unsere Chance, die Zögernden zu mobilisieren. Diesen müssen die handfesten Vorteile noch viel deutlicher kommuniziert werden, die es hat, geimpft zu sein. Nicht nur, dass man selbst vor einer schwer verlaufenden Corona-Erkrankung geschützt ist. Genauso wichtig scheint mir, dass man als Geimpfter viel weniger Gefahr läuft, andere anzustecken. Das macht nicht nur ein gutes Gefühl und unbefangener im sozialen Umgang, es ist auch das entscheidende juristische Argument, Geimpfte im Unterschied zu Ungeimpften nicht oder allenfalls noch gering in ihren Rechten einzuschränken. In Folge dessen wird es dann ganz lebenspraktisch. Geimpfte haben viel weniger Unannehmlichkeiten, sie kommen ohne lästige Tests ins Lokal, müssen nach einer Rückkehr aus dem Ausland wahrscheinlich auch in Zukunft nicht zum Test und vieles andere mehr. Das aber müsste gerade die Bequemen ins Grübeln bringen, ob sie nicht mit einer vollständigen Impfung leichter durchs Leben gehen. Das ist keine Impfpflicht durch die Hintertür, sondern verantwortlich gelebte Freiheit. Keiner muss sich impfen lassen. Vielmehr hat jeder die Chance, für sich persönlich alle Umstände gegeneinander abzuwägen und dann zu entscheiden, was ihm wichtiger ist: Eigen- und Drittschutz + einfachere Umstände vs. ungeimpft bleiben.

Zudem dürfen wir nicht bloß darauf warten, dass die Zögernden irgendwann schon zur Impfung kommen. Nein, die Impfung muss zu den Menschen kommen. Das darf aber nicht vorwurfsvoll geschehen, sondern freundlich, vertrauenswürdig, einnehmend und empathisch-einfühlsam. Schließlich heißt es ja auch „aufsuchende“ und nicht „heimsuchende“ Impfung. Das Konzept der „aufsuchenden Impfung“ ist goldrichtig, weil diese auf die Menschen an Orten zugeht, an denen sie sich im Alltag routiniert und sicher bewegen, ein Stück weit zu Hause fühlen und so dem Vorgang die Anmutung des Außerordentlichen oder gar Unerhörten genommen ist. Viele fühlen sich am Arbeitsplatz sicher, in der Fußgängerzone oder am Stadtplatz außerordentlich wohl oder bei Sport und Spiel besonders locker. Solch positive Umstände machen es leichter, im Moment des konkreten Angebotes spontan über den eigenen Schatten zu springen. Und manchem wird es helfen, bei einem Routinetermin vom Arzt oder der Ärztin des Vertrauens angesprochen zu werden. Aber auch da kommt es auf die Umstände des Einzelfalles an. So gibt es auch impfende Zahnärzte. Ob diese allerdings gerade für Menschen die richtige Adresse sind, die nach der Ursprungsbedeutung des Fachbegriffs Trypanophobie unter „Bohrerfurcht“ leiden, scheint mir eher zweifelhaft.

Impfen gegen Corona ist eine Langfristaufgabe und deshalb hat sich der Ministerrat am Dienstag auch mit der Fortentwicklung der Impfstrategie für Herbst und Winter 2021/2022 befasst. Wir müssen uns auf eine Reihe neuer Herausforderungen einstellen. Zu nennen sind hier die Themen „Auffrischungsimpfung“ und „Impfung von Kindern und Jugendlichen“, aber auch die „Kapazitätssteuerung bei den Impfzentren und mobilen Impfteams“.

Mit Blick auf die Auffrischungsimpfungen stehen wir insoweit vor einer Schwierigkeit, als die Ständige Impfkommission (STIKO) bislang noch keine entsprechende Empfehlung herausgegeben hat, allerdings absehbar ist, dass zumindest Menschen mit einer alters- oder krankheitsbedingt geschwächten Immunantwort idealerweise etwa ein Jahr nach der Erstimpfung eine Auffrischungsimpfung erhalten sollten. Auffrischungsimpfungen sind übrigens nichts Ungewöhnliches, so etwa bei der Tetanus-Schutzimpfung, und deuten nicht auf ein Qualitätsproblem der Impfstoffe hin.

Angesicht der noch klärungsbedürftigen Sachlage gehen wir nach einem Stufenkonzept vor. Bis Ende 2021 liegt der Schwerpunkt bei den Auffrischungsimpfungen für besonders vulnerable Personen, im ersten Quartal 2022 rücken zusätzlich Menschen mit besonderem Bedarf und noch gänzlich Ungeimpfte in den Fokus.

In organisatorischer Hinsicht verlängern wir den Betrieb der Impfzentren bis zum 30. April 2022 und passen deren Anzahl, das Personal und die Öffnungszeiten an den tatsächlichen Bedarf an. Zunächst nicht benötigte Kapazitäten können mit der Maßgabe in den Stand-By-Modus versetzt werden, diese binnen vier Wochen wieder hochfahren zu können. Mit diesem Vorgehen schonen wir einerseits Personal- und Sachressourcen, bleiben aber gleichzeitig flexibel, um auf neue Impfherausforderungen sofort reagieren zu können.

Mit besten Grüßen & an alle Impfzögerer: Es ist angerichtet – greifen Sie zu! Und alles gibt`s auch to go!

Ihr

Joachim Herrmann, MdL
Staatsminister