Das Main-Echo veröffentlichte Online und in seinen Printmedien für die Abonnementen ein von ihrer Mitarbeiterin Veronika Schreck mit Kreisbrandrat Frank Wissel geführte Interview zu dem am 15.08.2026 in Waldaschaff ausgebrochenen großen Waldbrand.
Freundlicher Weise hat das Main-Echo nun zugestimmt, den Bericht über das Interview jetzt auch auf der Homepage des Kreisfeuerwehrverbandes zu veröffentlichen. Kreisbrandinspektion und Kreisfeuerwehrverband bedanken sich dafür beim Main-Echo sehr herzlich.
Der Main-Echo Bericht vom 22.08.2026:
Es war der größte Waldbrand in der Geschichte des Landkreises Aschaffenburg, ausgelöst von der Batterie eines Elektrozauns. Wie blickt der Kreisbrandrat auf den Einsatz vom vergangenen Wochenende in Waldaschaff? Welche Lehren zieht die Feuerwehr? Und wie dramatisch war die Lage wirklich? Frank Wissel, der oberste Feuerwehrmann im Kreis Aschaffenburg, gibt Einblicke im Exklusivinterview mit unserem Medienhaus.
DAS VORGEHEN DER FEUERWEHR
Herr Wissel, jetzt, wo ein paar Tage vergangen sind: Wie blicken Sie auf den Waldbrand vom vergangenen Wochenende zurück?
Ich bin erstmal total froh, dass niemandem etwas passiert ist. Niemandem aus der Bevölkerung, keinem von der Feuerwehr. Nicht mal ein verknackster Knöchel. Das ist bei 1000 Kräften dort schon Wahnsinn.
Und ich bin froh, dass wir den Brand halten konnten. Das Feuer ist extrem schnell gelaufen; kein Wunder, bei Waldbrandstufe 5, es war ja alles völlig trocken. Aber es ging schon extrem schnell, das war wirklich dramatisch. Der Waldaschaffer Kommandant Thorsten Fleckenstein hatte Angst, dass er Einsatzkräfte ans Feuer verliert oder ihr Fahrzeug den Flammen zum Opfer fällt. Es sind Jacken und Funkgeräte verbrannt. Das Feuer ist an diesem Hang - und das ist eigentlich unvorstellbar - nach oben und nach unten gelaufen. Es gibt ja Videos und die haben mich wirklich erschüttert, wie schnell sich dieses Feuer ausgebreitet hat und auf den Wald übergesprungen ist.
Zu Beginn haben wir erstmal Kräfte sortiert, viele wasserführende Fahrzeuge alarmiert und drei Abschnitte gebildet, um das Feuer von verschiedenen Seiten anzugreifen. Das ging aber auch nur, weil wir so schnell so viel Personal da hatten.
Sie haben ja auch alles alarmiert, was rollt, oder?
Ja, wir haben sehr viele Einsatzkräfte alarmiert. Von 13 vorgeplanten, überörtlichen Löschzügen, die wir im Kreis haben, waren am Samstag und Sonntag elf im Einsatz. Nicht alle, weil es ja parallel noch Einsätze hätte geben können. Und am Sonntag haben wir es so gemacht, dass wir die kleineren Feuerwehren genommen haben, die kein HLF 20 (Hilfeleistungslöschgruppenfahrzeug, Anm. d. Red.) haben, und haben die dem Alphabet nach abgerufen: erst Albstadt, dann Blankenbach und so weiter. Also kleinere Wehren, die überregional nicht oft eingesetzt werden. Das kam bei denen gut an, dass sie hier auch zum Einsatz gekommen sind.
Und eine kluge Entscheidung der Feuerwehr Laufach möchte ich noch erzählen.
Ja?
Die sind nämlich nicht nach Waldaschaff gefahren, sondern sind von der anderen Seite, also von oben, ans Feuer gekommen. Das war sehr klug. Die Feuerwehr Laufach ist fit, was Waldbrände angeht, und deren Kommandant Christian Münstermann hat das entschieden. Das hat wirklich viel geholfen.
Was waren aus Sicht der Feuerwehr die besonderen Herausforderungen?
Das Gelände war das Hauptproblem. Es gab zwar noch Waldwege, aber das ist halt nicht wie in einem Wohngebiet, wo ich die Kräfte an eine bestimmte Adresse schicken kann. Man kann im Wald vieles nur schwer benennen. Deshalb ist es bei allen Waldbränden das Problem, erst mal eine Struktur zu finden. Da ist die erste halbe Stunde immer erst mal Chaosphase. Unser großes Plus ist, dass wir Leute haben, die sich auskennen - die joggen, fahren Mountainbike. Die kennen ihre Wälder und die Wege, das hilft enorm.
Dann natürlich die krasse Trockenheit und die Hitze. Aber das ist bei Waldbränden im Sommer ja eigentlich immer so.
Und noch etwas ganz anderes: Als ich gekommen bin, hatte die Polizei bereits das Wohngebiet evakuiert. Mich hat überrascht, was das mit den Menschen gemacht hat. Die saßen in der Halle und dachten, ihre Häuser wären abgebrannt. Es war aus meiner Sicht meine wichtigste Entscheidung an diesem Tag: Als klar war, dass keine Gefahr mehr bestand, habe ich gesagt, wir lösen die Evakuierung auf und die Leute können wieder in ihre Häuser gehen. Ich habe auch am nächsten Tag noch von Betroffenen gehört, wie wichtig das für sie war.
Wie geht die Feuerwehr bei einem solchen Flächenbrand vor?
Erstmal versuchen wir, das Feuer mit viel Wasser aufzuhalten. Wenn es dann steht, graben wir den Waldboden auf und legen Schneisen, damit das Feuer nicht weiterlaufen kann. Das ist klassische Handarbeit mit Hacken. Gegenfeuer wie das in anderen Regionen gemacht wird, kennen wir nicht, weil das sehr schwer zu kontrollieren ist. Da gab es schon genug Fälle, wo das Gegenfeuer dann außer Kontrolle geraten ist. Aber die Technik entwickelt sich immer weiter, vielleicht können wir das in ein paar Jahren.
Das Erdreich umzugraben und die Glutnester im Boden zu beseitigen, sind wahnsinnig kräftezehrende Aufgaben. Wie tief graben Sie da?
Unterschiedlich, manchmal ist es nur oberflächlich, aber an anderen Stellen waren es teilweise schon 30, 40 Zentimeter. Dann haben die Feuerwehrleute Löschrucksäcke auf und pumpen Wasser auf die Stellen, um sie alle abzulöschen. Das ist alles richtig anstrengend, nach drei oder vier Stunden können die Einsatzkräfte dann bei diesen Temperaturen einfach nicht mehr. Deshalb brauchen wir auch so viel Personal.
Inwiefern bringt das Löschen aus der Luft etwas?
Das hilft uns sehr. Wir hatten ja einen bayerischen und einen hessischen Hubschrauber, die an unterschiedlichen Stellen mit 800 Liter Wasser befüllt wurden und die in einem Rundlauf von dreieinhalb Minuten das Wasser über der Brandfläche abgegeben haben. Schneller geht nicht.
Die fliegen dann sehr punktuell und versuchen, den Feuersaum auszumachen, also den vordersten Rand des Waldbrandes. Das klappt natürlich nicht immer. Wir hatten eine Stelle hinter einer Kuppe, da hat es ein paar Mal nicht geklappt. Dazu muss man wissen, dass da wahnsinnig viel Logistik daran hängt. Es steht zum Beispiel ein Flugkoordinator im Wald, der dem Hubschrauberpiloten sagt, wann er abwerfen muss, und auch Rückmeldung gibt.
Und man muss sagen: Wir nutzen die Hubschrauber da, wo es gefährlich wäre, Einsatzkräfte zu Fuß hinzuschicken.
Was man aus Feuerwehrkreisen hört, waren die große Zahl der Einsatzkräfte, Können, Engagement und die gute Ausstattung ausschlaggebend für den Erfolg, dass sich der Brand nicht ausgeweitet hat. Ist das auch Ihre Auffassung?
Das stimmt. Das liegt natürlich zum einen daran, dass wir eine gute Ausrüstung haben - mit Quads, Drohnen und Abrollbehältern Wasser, vielen Tanklöschfahrzeugen. Da brauchen wir uns vor anderen nicht verstecken und können uns auch nicht beschweren. Auch der Zeitpunkt war »gut«. Es war ein Samstag und ein Feiertag, da hatten wir schnell viele Kräfte zur Verfügung.
WALD UND WASSER
War für die Einsatzkräfte auch ein wenig Glück dabei? Die Wasserversorgung hätte in anderen Spessartorten, die zurzeit mit Wasserknappheit zu kämpfen haben, gewiss nicht ausgereicht. Dann hätten Sie zusätzlich noch vor ganz anderen Herausforderungen gestanden.
Natürlich. Das Thema Löschwasserversorgung treibt mich seit Wochen wahnsinnig um. Wir haben inzwischen mehrere Ortschaften, wo die Quellschüttung nicht ausreicht. Wo wir schon bei Kleinstalarmierungen mehr wasserführende Fahrzeuge dazu alarmieren. Aber wir werden in den kommenden Jahren noch mehr Löschwasserprobleme bekommen.
Wäre es auch denkbar, fürs Löschwasser weg vom kostbaren Gut Trinkwasser zu gehen? Etwa über Löschteiche, Zisternen oder Quellen, die keine Trinkwasserqualität haben?
Das würde ich sehr begrüßen und rufe da auch seit ein paar Jahren danach. Aber mir ist auch klar, dass das alles Geld kostet.
Inwiefern spielt die Zusammensetzung des Walds eine Rolle? Fichten zünden ja geradeso durch, oder?
Absolut. Es hat viel geholfen, dass wir in Waldaschaff einen Mischwald hatten. Fichten und Kiefern brennen extrem schnell. Aber da war auch genug Laubwald, der nicht so schnell brennt.
Sind Sie im Austausch mit dem Forst oder den Kommunen, um den Waldumbau voranzutreiben? Große Teile unserer Wälder sind ja in Privatbesitz - in Waldaschaff sind fast nur Privatwaldbesitzer betroffen. Wie bringt man die Besitzer dazu, einen Mischwald zu forcieren?
Ja, wir sind da im Kontakt, aber das ist wirklich schwierig. Es gibt so viele Privatwaldbesitzer, auch so viele, die ihren Wald nicht pflegen. Meiner Meinung nach muss man da die nächsten Jahre schon mal überlegen, wie das weitergehen soll.
AUSRÜSTUNG UND EINSATZKLEIDUNG
Die Feuerwehr im Kreis Aschaffenburg ist - auch dank des jahrzehntelangen Einsatzes Ihres Vorgängers Karl-Heinz Ostheimer - hervorragend ausgestattet. Hat das einen Unterschied gemacht?
Absolut. Die Gemeinden haben da viel gemacht und der Landkreis natürlich auch. Der Kreis hat ja die Aufgabe, die Sachen zu beschaffen, die über die Fähigkeiten einzelner Gemeinden rausgehen.
Aber wir sind in der Vergangenheit auch oft belächelt worden, weil wir so viel angeschafft haben. In der Zwischenzeit will halb Bayern unsere Waldbrand-Tanklöschfahrzeuge nachbauen. Es wird natürlich schon nachgefragt, etwa im Kreistag, warum wir so viel haben. Aber jetzt hat man gesehen: Wir reden nicht nur. Wenn es ernst wird, sind wir schlagkräftig und können aus den Vollen schöpfen.
Da waren wir immer vorausschauend und vor der Lage. Wir wollen auch dranbleiben, aber wir sehen natürlich, dass die Geldmittel begrenzt sind. Und wir merken, dass wir in letzter Zeit viel mehr kämpfen müssen. Der Wind bläst uns ins Gesicht.
Und man muss da immer das Gesamtbild sehen. Man will ja auch schöne Straßen, man will Kindergärten und so weiter. Deshalb versuchen wir natürlich, auch gebrauchte Fahrzeuge zu beschaffen oder mal etwas ins nächste Jahr zu verschieben. Noch mehr und noch mehr geht nicht. Wir schauen, dass wir nicht übers Ziel hinausschießen und das mit Maß und Ziel machen.
Die Hitze macht Wehrleuten bei Brandeinsätzen im Sommer immer wieder zu schaffen. In der dicken Einsatzkleidung, die eigentlich auf Hausbrände ausgelegt ist, wird es schnell zu warm. Die Feuerwehrleute überhitzen und können ohnmächtig werden. Wenn sie die Jacke aber ausziehen, könnte ein brennender Ast herunterfallen und sie verletzen. Wie entscheidet man da als Führungskraft?
Das wird in den nächsten Jahren noch ein großes Thema werden. Wir haben schon einige Wehren mit einer zweiten, leichteren Einsatzkleidung, aber eben nicht alle. Und das kostet die Gemeinden halt richtig Geld. Ich kämpfe dafür, dass es ein Förderprogramm des Landes dafür gibt, aber bisher ist da leider nichts zu erkennen.
Und so lange muss man im Einsatz abwägen. In der Regel lassen die Einsatzkräfte die schwere Kleidung an, so lange es offenes Feuer gibt. Bei den Nachlöscharbeiten, wenn es ums Graben geht, ziehen die meisten die Jacken aus.
Auch die Tank- und Löschfahrzeuge sind in der Regel nicht gerade geländegängig und für Wald und Flur geeignet.
Das ist tatsächlich so. Wir haben aber inzwischen in vielen Gemeinden Allrad-Fahrgestelle, in anderen Unimogs. Der Landkreis hat erst vor Kurzem drei voll geländegängige Waldbrand-Tanklöschfahrzeuge angeschafft. Und die Taktik ist dann so, dass wir das Wasser an die befestigten Wege bringen, lassen es dort in Faltbehälter ab und von diesen Bassins bauen wir mit Schläuchen unseren Angriff auf. Das funktioniert gut.
EHRENAMT UND ENGAGEMENT
Der Brand begann am Samstagnachmittag, der auch noch ein Feiertag war. Hätten Sie an einem normalen Wochentag außerhalb der Urlaubszeit, wenn also viele Einsatzkräfte arbeiten, auch so schnell auf so viele Ehrenamtler zurückgreifen können?
Wenn ich an einem solchen Tag auf den Alarmknopf drücke, habe ich automatisch mehr Leute als an einem normalen Werktag. Wir hatten das Glück, dass wir schnell sehr viel Personal da hatten. Hätte es an einem Werktag gebrannt, hätten wir noch flächiger alarmieren müssen, etwa die Miltenberger Wehren oder aus Main-Spessart.
Aber ich wundere mich manchmal im positiven Sinne, wie stark manche Wehren auch am Tag sind. Da helfen natürlich die Gemeinden und die Bauhöfe, aber auch Schichtarbeiter - und seit Corona merken wir das Homeoffice ganz massiv. Das hilft uns sehr.
Es ist auch schön, zu sehen, dass Arbeitgeber diesen Einsatz wertschätzen. Die Firma SAF Holland hat zum Beispiel ihren Mitarbeitern, die als Feuerwehrleute in Waldaschaff im Einsatz waren, einen Tag Sonderurlaub geschenkt.
Wie viele Kräfte waren nun insgesamt im Einsatz?
Es waren etwa 1000 Kräfte da. Natürlich nicht alle am Anfang, aber es ging ja am Samstag bis zum Einbruch der Dunkelheit und am Sonntag nochmal den ganzen Tag. Die Flughelfer, die Feuerwehrschule, die Hubschrauber, Verpflegung, Logistik - das gehört alles dazu.
Wir haben sehr viele Ehrenamtliche hier. Haben wir da einen Vorteil gegenüber anderen Ländern oder Bundesländern?
Absolut, wir haben 2500, 2600 Aktive. Das ist schon ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Wenn wir alle Feuerwehren im Landkreis alarmieren, haben wir in den ersten zehn Minuten 300 bis 400 Mann und in den nächsten 20 Minuten nochmal 300 bis 400 Mann. Darauf können wir stolz sein.
Und hoffentlich bleibt das auch so. Wir haben halt den Vorteil der roten Autos mit dem blauen Licht oben drauf. Das weckt bei Kindern eine Faszination und das hilft uns ungemein.
Es ist ja auch oft so, dass ganze Familien in der Feuerwehr sind.
Ja total, nur bei mir nicht (lacht). Mein Sohn kann mit Feuerwehr gar nichts anfangen, aber ich hoffe auf meine Enkelinnen. Die eine hat schon ein Faible für die Feuerwehr.
Aber man muss sagen, dass es in einigen Familien sehr feuerwehrlastig sind. Und die sind auch die Stützen unserer Wehren.
Gibt es etwas, was Ihre Einsatzkräfte nach diesem Waldbrand wissen sollten?
Dass ich sehr dankbar bin, das habe ich auch an die Wehren geschrieben. Das ist für mich das Wichtigste.
NACHFOLGEND EIN ZEITLICHER ABLAUF DES WALDBRANDES